
Weibliche Perspektiven im Kino
5 Fragen an....
Hier stellen wir die Regisseurinnen hinter aktuellen beeindruckenden, frischen, kritischen visionären Perspektiven im Kino vor.
Die andere Seite
Mariko Minoguchi
Starttermin: 22.10.2026
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Mariko Minoguchi ©privat
Wie fragil ist unser Leben? Was bleibt von uns, wenn wir alles verlieren, was unsere Identität ausmacht?
1. In Deinem Film ist eine schreckliche Pandemie sehr konkret, gleichzeitig lässt sich Hannas Situation viel allgemeiner lesen: als Geschichte über Isolation, Ausgrenzung, Angst, Freiheit und Zugehörigkeit. War Dir diese übergeordnete Ebene von Anfang an wichtig – also die Frage, was mit einem Menschen passiert, wenn er aus der Gemeinschaft herausfällt und auf sich selbst zurückgeworfen ist?
Für mich ist das eigentlich die Grundfrage gewesen. Wie fragil ist unser Leben? Was bleibt von uns, wenn wir alles verlieren, was unsere Identität ausmacht? Die Pandemie war ein kollektives Erlebnis. Eine Phase, in der sich viele Menschen zum ersten Mal mit einer neuen Unsicherheit konfrontiert sahen. Dadurch eignete sich für mich diese Situation als eine Art Brücke zu dem Thema Ausgrenzung und Verlust.
2. Wie ist daraus dann konkret die Idee zu „Die andere Seite“ entstanden? War zuerst diese Welt da, die von Misstrauen und Angst geprägt ist, oder zuerst die Figur Hanna und ihre Geschichte?
Die Figur: Eine Frau in der Natur, die sich komplett neu erfinden muss und um ihr Überleben kämpft. Ich habe mit der ersten Szene begonnen, ohne zu wissen, wie es weitergehen würde. Ich habe die Geschichte gemeinsam mit der Hauptfigur Hanna erlebt. Ich wusste nie mehr als sie.
3. Hanna wird als Infizierte von der Gesellschaft im Grunde auf ein einziges Merkmal reduziert: Sie ist Überträgerin und damit eine Gefahr. Gleichzeitig lernen wir sie als Ärztin, als Mutter und Partnerin und als sehr eigenständige, kompetente Frau kennen. Was hat Dich an diesem Gegensatz zwischen Zuschreibung und Persönlichkeit interessiert?
Ich denke, dass dieser Gegensatz immer das Problem ist. Wir sehen einen Teil und blenden den anderen aus. Nur so kann Diskriminierung und Ausgrenzung funktionieren. Sobald man sich mit einem Menschen, seinen Bedürfnissen und Nöten auseinandersetzt, kann man eigentlich gar nicht anders, als Mitgefühl zu empfinden.
4. Der Film verbindet Isolation und Freiheit auf eine sehr ambivalente Weise. Auf der einen Seite stehen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, auf der anderen der Verlust von Sicherheit, Nähe und Gemeinschaft. Wie empfindest Du selbst dieses Spannungsverhältnis?
Nina Hoss und ich haben sehr viel über dieses Thema gesprochen. Hanna ist aufgrund ihrer Situation erstmal eine unfreie Person. Aber gleichzeitig gibt es eine Freiheit die ihr niemand nehmen kann: was sie aus dieser Situation macht und wie sie anderen Menschen begegnet.
Ich finde es sehr tröstlich, dass das etwas ist, das uns allen immer bleibt.
5. Auch der Dreh selbst wirkt extrem herausfordernd: diese alpine Landschaft, die Wildnis, die körperliche Präsenz der Figur, dieses Ausgesetztsein. Was hat das Drehen in dieser Umgebung mit dem Film gemacht – und mit dem Team und den Schweirigkeiten, mit dem es ja dann auch tatsächlich zu kämpfen hatte? Hat sich durch den konkreten Ort beim Drehen noch etwas an der Figur oder an der Geschichte verändert?
Das Drehen in dieser Umgebung war sehr intensiv. Es war körperlich anstrengend und es gab kaum einen Tag, an dem uns Wind, Sonne, Schnee, oder Regen nicht beeinflusst haben. Gleichzeitig war jeder Tag ein Abenteuer, wir durften an atemberaubenden Orten sein. Das macht sehr glücklich und man empfindet eine große Demut, die einem kreativen Prozess nie schadet. Unser Team hat sich komplett darauf eingelassen, war flexibel, gab aufeinander acht und hielt zusammen. Das hat mich sehr berührt und ich bin überzeugt, dass diese Energie einen großen Einfluss auf den Film hatte.


©Trimafilm_ Florian Strandl, X Verleih

©Trimafilm_ Florian Strandl, X Verleih

©Trimafilm_ Florian Strandl, X Verleih

©Trimafilm_ Florian Strandl, X Verleih

Mariko Minoguchi mit Nina Hoss, (c) Florian Strandl

Mariko Minoguchi mit Kameramann Felix Pflieger, (c) Florian Strandl
